Der (ewige) Stress der Frau

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Stress ist mittlerweile allgegenwärtig, gehört sogar fast schon zum guten Ton. Wie oft hat die Antwort auf „Wie geht es dir“? mit STRESS zu tun? Oft, nicht wahr? Ist der Stress als Frau aber anders als der Stress der Männer? Und wo liegen die Unterschiede? Das sollst du in folgendem Beitrag erfahren.

Erst einmal eine Feststellung: Wir alle erleben Stress individuell und unterschiedlich. Das führt dazu, dass ein Auslöser die eine Person nicht einmal aus der Ruhe bringt, wohingegen eine andere Person mit einem halben Nervenzusammenbruch reagiert.

 

Ein Beispiel für ein mögliches Reaktionsmuster findest du in vermeintlich „lustigen“ Youtube-Videos, z.B. wenn ein Mann im Großraumbüro seinen Computer an die Wand wirft. Eine Verlinkung erspare ich dir, denn eigentlich ist das nicht lustig. 

Wie Frauen Stress erleben und wie sich Stress als Frau ausprägt

Wenn nach einem Arbeitstag noch auf dem Heimweg in Gedanken die Einkaufsliste erstellt wird, das Wochenende geplant wird, die eigenen Arzttermine oder die der Kinder nochmal gedanklich koordiniert werden, der Konflikt mit der Kollegin noch im Magen liegt – dann kann die Frage des geliebten Partners: „Was sollen wir heute essen?“, auch ein möglicher Auslöser für Stress sein. Dann wird auch hier ein Reaktionsmuster aktiviert.

Stress als Frau wird anders erlebt. Stress weist dabei einige Besonderheiten auf. Und das zeigt sich in körperlich-hormonellen Reaktionen, im Stressverhalten selbst und auf der mentalen Ebene. Warum die mentale Ebene des Stresses eine andere ist, liegt vielleicht an gesellschaftlich-strukturellen Gründen, sowie an der jeweiligen Erziehung, die ja geprägt ist von gewissen Normen. In diesem Beitrag werde ich nicht nach Gründen suchen. Vielmehr möchte ich dir zeigen, wie du mit deinem individuellen Stress als Frau umgehen kannst. 

Was ist dein Stresstyp?

Stress zeigt sich individuell – mache den Test und erfahre, was dein Stresstyp ist. Wenn du weißt, was dein persönliches Stressverhalten ist, kannst du erfahren, welche Maßnahmen dir ganz individuell helfen. Ein Tipp: Stressmanagement, also Maßnahmen zum Umgang mit Stress sind nämlich viel mehr als nur mal hier und da eine Entspannungssequenz!

Stress als Frau - Was sind die Besonderheiten?

Frauen erleben stressauslösende Ereignisse anders als Männer


Bei Stress gilt: es gibt das subjektive Stressrleben und die körperliche Stressreaktion. Auf rein körperlicher Ebene bedeutet Stress: Ausschüttung von Adrenalin und Kortisol. Eine Studie hat gezeigt, dass Männer unter Stressbelastung zu einem ausgeprägterem Kortisolanstieg neigen als Frauen in derselben Situation. Blutdruck und Herzrate sanken bei den Frauen schneller nach der erlebten Situation. Auf der emotionalen Ebene gaben die Frauen allerdings stärkere feindselige Emotionen an!

Die Hauptgründe für Stress sind andere, als bei Männern

Für Männer ist der Hauptgrund für Stress die Arbeit. Für Frauen ist es die wirtschaftliche Lage, die Familie, der generelle Zeitmangel etc. Stress als Frau beruht also auf viele anderen, oftmals mehreren Auslösern, oftmals auch begründet in der Doppelbelastung von Beruf und Familie.

Frauen nehmen Stress früher wahr und holen sich schneller Hilfe im Netzwerk oder durch professionell Helfende

Stress als Frau wird anders, und u.a. aus biochemischer Sicht intensiver erlebt und führt zu ausgeprägteren Symptomen. Aber Frauen sind im dem Sinne achtsamer mit sich, achtsam mit den Symptomen und Veränderungen. Die Bereitschaft, sich Unterstützung und Hilfen zu holen, ist bei Frauen ausgeprägter. Ein Grund, diesen Artikel jetzt weiter zu lesen!

 

Die Stressampel

Um Stress zu beschreiben und auch zu verstehen, sind folgende Begrifflichkeiten wichtig:

  • Stressoren
  • Stressverstärkende Gedanken
  • Stressreaktion

Beispiel:

Du fährst auf die Autobahn und landest im Stau (Stressor). Du aktivierst stressverstärkende Gedanken („Muss das jetzt unbedingt sein? So schaff ich es nie bis zum Termin, wie steh ich denn dann da, das gibt’s doch nicht!“). Dein Herz fängt an zu klopfen, der Schweiß bricht dir aus, Kopfschmerzen (Stressreaktion) stellen sich ein.

 

 

Stressampel

Die Stress-Ampel nach Kaluza gibt wertvolle Hinweise und Ansatzpunkte zur Stressreduktion. Die Logik der Stress-Ampel:

Es gibt Stressoren die in Kombination mit inneren Stressverstärkern zu einer individuellen Stressreaktion führen.

Stau auf der Autobahn -> Gedankenkarussel mit Katastrophen-Fantasieren -> Schweißausbruch, Kopfschmerzen

Was macht die Stress Ampel aus?

Stressoren: Das sind alle Faktoren, die potenziell Stress verursachen können. Stau auf der Autobahn nach Feierabend, ein Konflikt mit einer Kollegin am Nachmittag etc., anstehende Aufgaben: Einkaufen, Kochen, morgigen Arbeitstermin vorbereiten.

Innere Stressverstärker: Dazu zählt alles, womit wir uns selbst unter Stress setzen. Klassischerweise gehören dazu negative Gedanken („Schon wieder hab ich das nicht hingekriegt“), ein Selbstbild, das aufrechterhalten werden muss („Ich muss das doch hinkriegen“) und Blockaden, um Unterstützung oder Hilfe zu fragen („Ich kann doch nicht um Verlängerung der Deadline bitten, was denkt man dann von mir?“).

Stressreaktion: Die Reaktionen von Stress sind vielfältig, lassen sich aber auf drei Ebenen einkategorisieren. Auf körperlicher Ebene kann es zu Herzrasen, flacher Atmung, Bauchschmerzen, Muskelverspannung kommen. Auf geistiger Ebene können Kopfkino Gedankenkreisen oder Gereiztheit entstehen. Auf der Verhaltensebene zeigt sich wieder, wie individuell Stress erlebt wird. Mögliche Muster sind ein sozialer Rückzug oder ungesunde Verhaltensweisen, wie z.B. Nikotin-Konsum, Zucker-Konsum und so weiter. 

Die weibliche Stressampel - ein Beispiel für den Stress als Frau

Wie sieht es denn aus mit dem Stress als Frau?  Wie sieht die weibliche Stressampel aus und was sind die Unterschiede zum anderen Geschlecht?

Ebene der Stressoren:

Ich behaupte, die Stressoren sind sowohl bei Mann, als auch Frau gleich. Alle Geschlechter haben ihre Anforderungen des Alltags. Ein Stau auf der Autobahn oder die viel zu enge Deadline treffen alle gleichermaßen. Ein Unterschied könnte in der zahlenmäßigen Verteilung liegen: wenn in einer Partnerschaft beide gleich viel arbeiten, eine Person aber 90 % des Haushalts macht und die andere in dieser Zeit Freizeit genießen kann, wäre diese eine ungünstige Verteilung, evtl. zu Lasten der Frau. 

Stressverstärkende Gedanken

Hier möchte ich anhand einiger Beispiele die Unterscheidung von Stress als Frau und Stress, wie er von einem Mann erlebt wird, ziehen. Folgende Punkte sind sowohl Berichte aus eigener Betroffenheit, sowie das Resultat von Recherchen.

Frauen leiden vor allem an einem hohen eigenen Anspruch.

Wer kennt es nicht: Wir zeichnen ein gewisses Selbstbild  von uns (oftmals als Wunschvorstellung oder erstrebenswertes Ideal) und wollen an diesem Selbstbild festhalten. Wir haben den Anspruch an uns, gewisse Dinge zu erfüllen. „Als Mutter muss ich…“. „Eine gute Partnerin muss…“. „Die Wohnung muss perfekt aussehen.“

Frauen sind oft im Außen und richten sich nach Erwartungen

Stressreaktion: Auf körperlicher Ebene gibt es ein paar Unterschiede, die biochemische Hintergründe haben. Die Stressreaktionen auf den Ebenen Körper, Geist und Verhalten wie ich sie oben genannt habe, sind grundsätzlich aber ähnlich wie bei Männern. Ein Unterschied ergibt sich dann, wenn sich chronischer Stress einstellt. Da kann man sagen: Männer trinken und Frauen werden depressiv. 

 

Das Leid der Frauen - der eigene Anspruch und die Übernahme von Erwartungen

Frauen leiden vor allem an einem hohen eigenen Anspruch.

Ein großer Unterschied zwischen den Geschlechtern sehe ich auf der Ebene der stressverstärkenden Gedanken. Typisch weiblich sind hier der hohe Anspruch und der Wunsch, Erwartungen von Außen zu erfüllen. Wir haben den Anspruch an uns, gewisse Dinge zu erfüllen. „Als Mutter muss ich…“. „Eine gute Partnerin muss…“. „Die Wohnung muss perfekt aussehen.“

Eigener Anspruch geht oft einher mit inneren Regeln: „Nicht schwach sein“, „Nicht nein sagen“ „Bloß nicht krank werden“.

Der eigene Anspruch geht Hand in Hand mit Erwartungen und Fantasien „nach außen“.

Ein Beispiel dafür, was viele Frauen bewegt:

  1. Mein Partner und ich bügeln nicht bzw. sehr selten. Ich bevorzuge bügelfreie Kleidung, mein Partner trägt hin und wieder Hemden, da er nicht im Business-Kontext arbeitet, trägt er diese mehr in seiner Freizeit. Es kann dann durchaus sein, dass diese Hemden etwas verknittert sind. Eine Freundin, die ursprünglich nicht aus Deutschland kommt, sagte mir einmal: Bei uns würde das verknitterte Hemd des Mannes ein schlechtes Bild auf die Frau werfen. So als ob sie sich nicht kümmert.

Wie geht es dir mit dieser Aussage? Wie geht es dir mit verknitterter Kleidung von dir oder deinem Partner*in? Fühlst du dich manchmal dafür verantwortlich?

 

  1. Bezüglich gebügelter Kleidung kann ich mich noch von dieser erweiterten Verantwortung lösen. Aber wenn es um die Wohnung geht, spüre ich diese doch mehr. Wenn die („unsere“) gemeinsame Wohnung nicht ordentlich ist und Besuch kommt, dann gibt es da einen gewissen Teil in mir. Dieser Teil in mir befürchtet, eine unordentliche Wohnung wird vor allem mir als Frau angekreidet.

Dieser Blick „nach außen“ ist einerseits eine der besonderen Eigenschaften der Frauen: der Blick nach außen, das schafft Verbindung und Harmonie und hält die Herde, Verzeihung: das Team oder die Familie zusammen. Dieser Blick „nach Außen“ kann aber auch kippen! Und zwar dann, wenn wir Frauen die fremden Erwartungen mit den eigenen Erwartungen vermischen. Das Resultat: Kopfkino und Gedanken, die sich wie folgt anhören:

Ich kann doch nicht ablehnen

Ich kann doch nicht mehr Gehalt fordern

Was denkt man von mir, wenn ich krank melde?

Deine Bewältigungsmöglichkeiten

Wie kannst du nun Stress als Frau gut und nachhaltig bewältigen?

„Entspann dich doch mal“  – diesen wohlgemeinten Rat hast du sicherlich schon öfters gehört. Weil Stress aber individuell erlebt wird und sich auch individuell ausprägt, ist dieser Satz nicht immer hilfreich. Für den Umgang mit Stress reicht „Entspannung“ als Bewältigungsstrategie nicht!

Aber es gibt gottseidank noch mehr Bewältigungsstrategien. Mach doch dafür noch den Selbsttest: Was ist dein Stressverhalten? Somit weißt du, welche der gleich genannten Möglichkeiten für dich die größte Wirksamkeit haben! 

Du hast den Test gemacht? Weitere Lösungsmöglichkeiten findest du in diesem Absatz. Du kannst auf folgenden Ebenen eingreifen:

 

Ebene der Stressoren:

Wir können auf der Ebene der Stressoren ansetzen. (Link zu dem Absatz?). Manche Stressoren können vermieden werden, z.B. durch Zeitmanagement. Das würde bedeuten, dass du zum Beispiel deine Zeit so planst, dass dir ein Stau auf der Autobahn nicht mehr deine Planung sprengt. Oder dass du deine Woche so strukturierst, dass du zu stauanfälligen Zeiten nicht auf der Autobahn sein musst. Auch Kommunikationstechniken helfen dir auf der Ebene der Stressoren. Du kannst nur schwer Nein sagen? Dann kann ich dir meinen Podcast zum Thema Abgrenzung, Grenzen setzen und Nein sagen empfehlen! 

Ebene der stressverstärkenden Gedanken

Ein Stressor führt zu stressverstärkenden Gedanken. Das berühmte Gedankenkarussel stellt sich ein, wenn wir den Aktenberg sehen, wenn wir sehen, dass drei Termine hintereinander gelegt wurden ohne 5 Minuten Pause dazwischen. Die Macht der Gedanken zeigt sich vor allem bei Stress.

Auf dieser Ebene kannst du ansetzen! Du kannst nach und nach deine Gedanken, die deinem Belastungsgefühl zugrund liegen, verändern. Das kannst du machen durch gezieltes Mentaltraining.

Ein Beispiel dafür, wie du manche Gefühle neu bewerten kannst, findest du auch in diesem Blog-Beitrag. 

Ebene der Stressreaktion

Wusstest du, dass die körperliche Stressreaktion (die übrigens auch dein Verhalten beeinflusst), evolutionär wichtig war? Adrenalin und Cortisol-Ausschüttung sind Teil der Kampf- und Flucht-Reaktion. Sie führen zu einer erhöhten Herzrate, schnellerer Atmung und dadurch zu funktionsfähigen Muskeln. Das Problem 1: der Aktenberg, der Stau auf der Autobahn führen manchmal zu ähnlichen Reaktionen bei uns,  wie der Anblick eines Säbelzahntigers bei unseren Vorfahren. Das Problem 2: aufgrund vieler Reize neigen wir heute zu einem chronischen Stress – das hat enorme Auswirkungen, v.a. körperliche, aber natürlich auch mentale und soziale.

 

Hier kommt die Entspannung zum Tragen: Entspannungs-Übungen haben den körperlichen Effekt, die Stressreaktion sozusagen auszubügeln. Atmen, v.a. Ausatmen aktiviert den Gegenspieler zu der Stressreaktion. Hier kannst du gezielt durch Atmen entschleunigen und dadurch automatisch deinen Körper wieder in den Ausgangszustand bringen.

Die Podcastfolge zum Blog-Beitrag findest du hier.

Was sind deine nächsten Schritte? Mache den Stresstyp-Test!

Büchner, Birgit; Kleiber, Christina; Stanske, Beate; Herrmann-Lingen, Christoph (2005): Stress und Herzkrankheit bei Frauen Geschlechtsspezifische Risiken, Bewältigungsprobleme und Behandlungsansätze. In: Herz 30 (5), 416-28