Wie Sucht Beziehungen zerstört

 

Vielleicht kennst du schon meinen Podcast zum Thema Abgrenzung, Grenzen setzen und Nein sagen. Nun denkst du dir vielleicht, wie kommt es, dass diesen Themen ein ganzer Podcast gewidmet wird? Und was hat das damit zu tun, dass Sucht Beziehungen zerstört?

Das hat den Grund, dass Abgrenzung für mich von besonderer Bedeutung ist. Und damit hat auch das Thema Sucht zu tun. In diesem Beitrag zur Podcastfolge schreibe ich über Sucht und wie sie Beziehungen zerstören kann. Ich berichte dir von meinen Erfahrungen, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit in der Suchthilfe machen durfte. Und wie ich dadurch Abgrenzung lernen konnte.

Was ist Sucht?

Erst einmal möchte ich betonen, dass wir in einer süchtigen Gesellschaft leben. Wir alle haben irgendwas was wir suchten. Dazu zählen auch Serien, Zucker, das Smartphone oder (online) Shoppen. Darüber hinaus gibt es noch einen Teil der Gesellschaft, der Substanzen suchtet (Übrigens nicht mal ein kleiner Teil, schau dir mal hier eine Statistik an). Das sind z.B. Alkohol, Nikotin, Medikamente oder illegale Drogen. In meiner Tätigkeit habe ich vor allem mit Menschen gearbeitet, die abhängig waren von illegalen Drogen. Bei illegalen Drogen kommt immer noch ein weiterer Stress-Faktor dazu:

Du machst dich strafbar, das Beschaffen ist aufwendig. Im Gegensatz zu den anderen „Süchten“ (auch die, die gesellschaftlich noch nicht als solche bewertet werden) ist die Organisation von illegalen Drogen „auf dem Schwarzmarkt“, auf der Straße und vielleicht auch noch im Darknet. Die meisten Abhängigkeitserkrankungen in Deutschland sind übrigens auf Alkohol bezogen. Wenn du dir die vorstellst, wie leicht jeder von uns Alkohol organisieren kann, kannst du dir vielleicht Ideen dazu entwickeln.

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Wie Sucht entsteht

Bevor ich dir darstelle, wie Sucht Beziehungen zerstört, möchte ich dir noch eine kurze Erklärung zur Suchtentstehung anbieten. Beziehungsweise ist Erklärung nicht das ideale Wort – vielmehr kann ich dir ein Entstehungs-Modell darstellen.

Das Suchtdreieck

Zur Suchtentstehung gibt es bedingende Faktoren:

  • Gründe in der Umwelt (Ort, Verfügbarkeit, Kultur)
  • Personenfaktoren (Umgang mit Konflikten, Stress, Selbstwert, Resilienz)
  •         Gründe der Substanz (Wirkung, Potenz)

Sucht kann man allerdings nicht linear erklären: Es gibt nicht DEN Grund für Sucht, wie z.B. eine schlechte Kindheit. Das würde bedeuten, jeder Mensch mit einer schlechten Kindheit wird süchtig. Das ist aber nicht so. Ich kann das selbst bezeugen, da ich auch Klient*innen in geregelten, „normalen“ Familiensituationen begleitet habe.

Meine Erfahrungen

In diesen Jahren habe ich wohl alles gesehen. Alle Stadien der Suchterkrankung, alle Motivationsstufen, viele Suchtformen, viele Einzelgeschichten. Manchmal waren Angehörige präsent, manchmal nicht. Manchmal gab es intakte Familien, manchmal nicht so intakte Familien.

Eine Geschichte hat mich sehr bewegt und mich auch zu diesem Beitrag und zu der Podcastfolge inspiriert.

 

In einer Reha-Klinik hat ein Mann die Behandlung abgebrochen. Er war süchtig nach einer illegalen Substanz und nach einem Rückfall wurde er disziplinarisch entlassen. In dieser Klinik war es so:

Wer entlassen wurde, v.a. disziplinarisch wegen Rückfall oder fehlender Mitwirkung, der zeigte ein bestimmtes Verhalten:

Der oder die gehen dann sehr schnell, das Zimmer wird noch geleert, aber es wird oft nur ein Rucksack gepackt. Manchmal wurde noch die Familie informiert, oder Freunde. Dann wurden die entlassenen Klient*innen abgeholt oder aber sie gingen selbst und warteten nicht mehr auf jemanden, der vielleicht noch ein paar Stunden Anfahrtszeit hat. Dann geht man mit leichtem Gepäck für den Tag und verschwindet. Und alle sagen: „Meine Sachen hol ich dann später ab.“

Der Speicher in dieser Einrichtung war voll – und das aus einem besonderen Grund. Denn mit der Sucht ist es so: Sie verändert Menschen. Sie führt dazu, dass Dinge gesagt werden, die nicht eingehalten werden.  Sucht zerstört nicht nur Beziehungen, sie nimmt auch Einfluss auf die Menschen und ganz oft auch die Kontrolle.

Ich kann mich an viele Fälle von Entlassungen erinnern, in denen die Menschen nach der Entlassung erst einmal konsumiert haben. Als ob mit Verlassen der Einrichtung der süchtige Anteil plötzlich die Kontrolle übernimmt.

Dieser erwachsene Mann war bereits einige Wochen nicht mehr in der Einrichtung. Seine Sachen standen bereits auf dem Speicher. Der etwas betagtere Vater kam, ich schätze ich auf Ü60 bis 70 und wollte die Sachen seines Sohnes abholen. Er kam ohne Auto, nur mit einer Art Einkaufs-Trolley.

Ein Bild habe ich noch im Kopf: wie dieser Vater bei den Mülltonnen der Reha-Klinik die Sachen seines Sohnes sortiert hat, Sachen aus diesen vielen Kartons entsorgt hat und mit viel Sorgfalt eine kleine Musikanlage in seinem Einkaufs-Trolley verpackt hat.

 

Ich habe diese Situation sehr traurig und bewegend in Erinnerung. Es hat mich traurig und auch wütend gemacht: Ich war traurig für den Vater, dass er in diese Situation kam, mit einem Sohn, der eine Behandlung abgebrochen hat, wohl wieder im Konsum war. Ich glaube, ich war auch wütend, dass der Sohn seinen Vater wegen seiner Musik-Anlage in die Einrichtung schickt, ohne Auto und nur mit einem Einkaufs-Trolley. 

Wie Sucht Beziehungen zerstört – und warum Betroffene das anders erleben

Mit diesem Bild des Vaters möchte ich in das nächste Thema gehen: Sucht und Beziehungen  und wie Sucht Beziehungen zerstört. Ich habe dir von den Emotionen geschrieben, die ich in der Begegnung des Vaters erlebt habe. Fakt ist aber: wie sich ein Vater/Elternteil/Partner/Partnerin fühlt mit einem süchtigen Angehörigen, kann ich nicht wissen. Wir alle haben unsere eigenen Gefühle und Gedanken – wir können versuchen, nachzuvollziehen, aber nicht, zu verstehen.

Menschen mit einer Suchterkrankung wirken oft grenzenlos. Reflektiere noch einmal dein süchtiges Verhalten und überlege dir, wo du grenzenlos bist, wo deine „Sucht“ (auch nach dem Smartphone) Konsequenzen hatte, die du gerne in Kauf genommen hast! Wo du Vorsätze und Pläne nicht eingehalten hast, zugunsten der „Sucht“…

Bei Sucht stelle ich mir gerne mehrere Persönlichkeitsanteile in einer Person vor. Und manchmal übernimmt der süchtige Anteil. Das sind dann die Situationen, in denen eine Person „nicht wiedererkannt“ wird. Genau dieser Sucht-Teil hat dann die Macht, Beziehungen zu zerstören.  

Aus Liebe für den anderen

Ich habe unterschiedliche Konstellationen gesehen, wie aus Liebe für den anderen mit der Sucht und dem süchtigen Anteil umgegangen wird. Vielleicht liest du diesen Beitrag und findest dich wieder?

Die Sucht wird ignoriert: alle Alarmzeichen, das schlechte Bauchgefühl werden ignoriert, weggepackt. Da geht es oft noch um eine Illusion der heilen Welt. Wenn du in dieser Situation bist, dann hast du selbst einen Anteil in dir, der an die heile Welt glauben möchte. Dabei hat dieser Teil dann die Kontrolle über die Anteile, die dir sagen: „Da stimmt was nicht“, „Du musst was machen“.

Das ist verständlich in dieser Situation, es ist aber ein Risiko: die Menschen, die du liebst, kriegen kein Feedback über ihre Außenwirkung, über ihren Konsum. Sie denken vielleicht auch, es ist dir nicht wichtig. Sie sehen nur den Teil in dir, der an die heile Welt glaubt. Die empfänglichen Anteile, die, die mitkriegen (und vielleicht laut schreien), sieht der andere nicht.  Damit zerstört Sucht die Beziehung und ihr schaut beide tatenlos dabei zu.

 

Die Sucht wird unterstützt:

Das klingt jetzt krass, aber es kann auch sein, dass Angehörige die Sucht unterstützen. Und das aus Liebe! Wenn du schonmal eine Person im Entzug gesehen hast, dann weißt du, dass das für alle Beteiligten schrecklich sein kann.

Wenn du viel rauchst, weißt du, was es bedeutet, gerade unterwegs zu sein ohne Zigarette.

Es kann dann sein, dass die Ehefrau dann weiterhin Alkohol für den Mann kauft, weil er sonst unausstehlich wird.

Das ist verständlich in dieser Situation, es ist aber ein Risiko. Denn letztendlich ignorierst du somit viele Seiten in dir, die den anderen nicht aktiv unterstützen möchten. Du überschreitest damit eigene Grenzen.

Damit zerstört Sucht die Beziehung und du zerstörst dich dabei selbst.

 

Die Sucht wird wegtherapiert durch Angehörige

Du denkst dir vielleicht: wegen dir wird sich dein Partner*in schon ändern. Wenn du ihn oder sie nur genug liebst, dann. Wenn du nur eine gute Freundin bist, dann.  Wenn du dich nur genug anstrengst.

Du setzt alles daran, ihn zu heilen. Du rettest ihn vor Rückfällen, indem du dich als Notfallkontakt zur Verfügung stellst, du wirst zur Therapeut*in.

Und hier sind wir schon am Kern: es gibt einen Rollentausch -und das ist in Beziehungen nie gesund.

Außerdem ändert sich ein Suchterkrankter nicht wegen einer Person, sondern aus sich heraus. Die Familie, die Kinder etc. können dabei einen Teil der Motivation darstellen, aber nicht alles. Wenn du denkst, du müsstest dich nur mehr anstrengen für die Person, dann ist das ein Irrglaube. Die Sucht zerstört dabei eure Beziehung. Und du überschreitest eigene und auch fremde Grenzen.

 

Alle Formen hier sind entgrenzt

  • Wenn du es ignorierst, dann ignorierst du eigene Grenzen und deine eigenen Alarmzeichen
  • Wenn du es unterstützt, dann gehst du über deine Grenzen -langfristig
  • Wenn du Therapeutin spielst, dann gehst du über deine und über fremde Grenzen

Was kann ich dir nun sagen und auf den Weg gehen?

Wenn du dich in einer der oben genannten Situationen, oder einer ähnlichen Situation befindest, dann sind deine Grenzen gefordert. Um an deinen Grenzen zu arbeiten, findest du in meinem Podcast Tipps und Tricks. Vielleicht sind aber auch meine anderen Coaching-Angebote für dich interessant.